Die Nerven strapaziert

2008 Juni 30
by dbliedtner

Das Filmteam beim Drehen der Sturmflut, und das fiktive Pärchen: der Insel-Flieger mit seiner „Porzellan-Lady“.

„Sturmflut II“ verfehlt irgendwie das Thema – Ein bisschen wie Realsatire

Kennen Sie das? Sie kommen in den Kinosaal – und niemand sitzt drin. Grübel. Liegt es an der Qualität des Films oder an der Spätvorstellung? Na ja, „Sturmflut II“ ist eine Halbdokumentation und wird wohl schon deshalb keine „Blockbuster“-Massen in die Filmpaläste ziehen. In der Ankündigung heißt es: „Eine Liebeserklärung an Norddeutschland.“ Na gut, lassen wir uns mal drauf ein…

Statt „Kung Fu Panda“ (auf den hatte ich mich zunächst eigentlich eingestellt, aber den gibt‘s ja nun erst kommende Woche) dann also die Sturmflut. Das Kinoplakat kommt ja mit den hochschlagenden Fluten recht dramatisch daher, dazu der Untertitel „Großer Strom Elbe – Blanker Hans – Land unter“. Wer an der Küste lebt, kennt die Gefahren der tosenden Fluten.

Ein heißes Eisen

Dennoch ist es doch immer wieder spannend, sich mit der Thematik zu beschäftigen. Nicht zuletzt, weil in unserer Region durch die geplante Elb- und Weservertiefung, die Hafenerweiterungen, Deichbauvorhaben und der Entwicklung des Wattenmeers ohnehin immer Diskussionsbedarf besteht. Das Thema Sturmflut ist also ein heißes Eisen. Hinzu kommen das Mystische und die gewaltigen Kräfte der Naturgewalten, die die Menschheit seit eh und je umtreiben. Ein Filmstoff, der durchaus auch für „Blockbuster“ geeignet ist, wie „Der Sturm“ (2001) gezeigt hat.

Nun aber zu „Sturmflut II“. Eins ganz klar vorweg: Der Titel geht am Film vorbei. Denn auch wenn Produzent Freymuth Schultz auf tatsächliche Sturmflut-Aufnahmen von Borkum und Helgoland gesetzt hat: Wer eindrucksvolle Szenen vom Blanken Hans erwartet, wenn dieser seine tatsächliche Zerstörungskraft zeigt, wird enttäuscht. Es bleibt bei durchschnittlichen Aufnahmen – die sich auch nicht damit beschäftigen, was sich bei einer Sturmflut in der Küstenregion tatsächlich tut. Hier hätte die große Chance von „Sturmflut II“ gelegen, für ein breites Publikum interessant zu werden.

Den ersten Teil gab es übrigens 1993 zu sehen, der 350000 Menschen in die Kinos lockte – überwiegend Urlauber. Die Liebeserklärung an die Nordsee: „Sturmflut II“ versucht den Spagat zwischen der Dramatik einer wirklichen Sturmflut und einer liebreizenden, fiktiven Schnulzengeschichte. Spätestens hier aber denkt der geneigte Zuschauer darüber nach, den Saal zu verlassen – Liebe zur Küste hin oder her. So trieft das Werk nur noch so, wenn Schauspielerin Christine Kutschera im Film ihren künftigen Mann bei der Überfahrt zur Hallig anschmachtet: „Jan, ich bin zu Hause.“ Hier strapaziert Regisseur Jens Uwe Scheffler die Nerven der Kinogäste.

Jan-Lüppen Brunzema ist auch im wirklichen Leben ostfriesischer Inselflieger und spielt sich selbst. Ebenso wie der Hallig-Postbote Friede Nissen. Dann aber geht‘s los mit Fiktion: Jan holt seine große Liebe Meike (Christine Kutschera) in Meißen ab, wo sie in der berühmten Porzellan-Manufaktur arbeitet. Die beiden wollen sich auf der Hallig Langeneß das Ja-Wort geben. Doch vorher folgen sie mit dem Flugzeug dem Lauf der Elbe und besuchen die schönsten Sehenswürdigkeiten. Und am Ende schaut noch mal ein bissl die Sturmflut vorbei. Im Übrigen wirkt das Pärchen derart aufgesetzt, dass es in Zügen schon wie Realsatire wirkt.

Netter Werbefilm

Von einem „schön bebilderten Werbeprospekt“ spricht ein Kollege in seiner Filmkritik. In der Tat zeigt „Sturmflut II“ schöne, beeindruckende Luftaufnahmen, und es gelingt auch gut, die Schönheiten und die Vielfalt entlang der Elbe herauszustellen. Bilder aus der Region Bremerhaven/Cuxhaven gibt es jedoch nur sehr begrenzt – nämlich lediglich aus dem Watt vor Cuxhaven und von Neuwerk. So kommt „Sturmflut II“ eher wie eine nette Werbebotschaft der Arbeitsgemeinschaft „Die Nordsee – sieben Inseln, eine Küste“ daher. Das reicht nicht fürs Kino. Schade.

Auch wenn dieser Film sicher nicht zum Reißer in der Cinemotion-Hitliste wird: Klasse, dass es hier auch mal etwas Alternatives zum Mainstream zu sehen gibt. Nur weiter so.

 

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