
Ärger hinter den Kulissen der Beruflichen Rehabilitation bei der Wisoak – „Problematische Fälle“
Bremerhaven. Der Körper macht nicht mehr so mit, wie er eigentlich soll. Ob Bandscheibenvorfall oder Sehschwäche: Wer plötzlich seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, steht häufig vor dem Nichts. Führt der Weg in die Arbeitslosigkeit, oder gibt es ein Zurück? Über die Berufliche Rehabilitation sollen Betroffene die Möglichkeit für einen Neuanfang bekommen. Doch der ist hart. Bei der Wirtschafts- und Sozialakademie Wisoak hat es darum jetzt heftig gekracht.
Ehemalige Teilnehmer erhoben schwere Vorwürfe: „Wir sind wie das Letzte behandelt worden“, sagen sie. „Man wird dort richtig fertiggemacht und vorgeführt, wenn man Sachen nicht weiß, zum Beispiel, wie ein Lebenslauf verfasst werden soll.“ Hinzu komme, dass Betroffene in Bereiche vermittelt worden seien, in denen sie auf Grund ihrer Behinderung nicht mehr arbeiten dürften. „So sollte jemand, der einen Bandscheibenvorfall hatte, in einem Markt Paletten packen.“ Entscheidend sei nur gewesen, dass die Tätigkeit auf dem Papier anders bezeichnet wurde – beispielsweise als Mitarbeiter an der Information.Wenn sich die Betroffenen für die Berufliche Rehabilitation entscheiden, zahlt der Rentenversicherungsträger und nicht die Arbeitsagentur.
Die Teilnehmer erhalten bis zu 50 Prozent ihres letzten Gehalts. Die Wisoak-Gebühr von im Durchschnitt 2800 Euro pro Person übernimmt ebenfalls die Rentenversicherung. Es werde niemand in die Bildungsmaßnahme gezwungen, betont die Wisoak. Für die meisten allerdings bleibt ansonsten nur eine Alternative: Hartz IV. Es gebe immer Leute, die Schwierigkeiten damit hätten, sich erst einmal zurückzunehmen und sich neu zurechtzufinden, kommentiert Ursula Wetenkamp die Kritik ehemaliger Teilnehmer. Die 69-Jährige sieht sich als „Graue Eminenz“ des Weiterbildungsangebots Berufliche Rehabilitation, hat sie die Maßnahme doch 1993 mitgegründet: „Das ist mein Baby.“ Inzwischen arbeitet sie ihre Nachfolgerin ein; Anja Karp soll Wetenkamps Erbe weiterführen. Karp und Wetenkamp weisen die Vorwürfe scharf zurück: „Die jeweiligen persönlichen Umstände der Teilnehmer führen oft dazu, dass sie mit ihrer Situation ohnehin unzufrieden sind.“ Die Betroffenen müssten schon auf ihre Ratschläge und Kontakte vertrauen und sich daran halten. „Aber da sind problematische Fälle dabei. Wenn die Leute nicht selbst etwas erreichen wollen, ist es schwer.“ Sie habe jahrelang alles gegeben, um den Menschen zu helfen.
„Schon bedroht worden“
Wetenkamp ist resolut, meinen selbst Unternehmer, die mit ihr zusammenarbeiten. Sie vertrauen aber auf ihr fachliches Urteil, was das Profil der Absolventen betrifft.Der Job verlange viel Geduld und Kraft, weiß die 69-Jährige. Im Laufe der Jahre habe sie mit den Teilnehmern der Beruflichen Rehabilitation viele unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, betont sie: „Ich bin sogar schon mal bedroht worden, weil sich jemand falsch behandelt fühlte.“
Die Teilnehmer der sechsmonatigen Kurse, darunter Mittzwanziger und 50-Jährige, müssen zunächst eine Theoriephase absolvieren, an die sich ein mehrwöchiges Praktikum anschließt. „Wir können froh sein, dass wir so viele Betriebe finden, die bereit sind, unsere Teilnehmer einzustellen. Schließlich ist es für den Betrieb eine zusätzliche Belastung“, sagt Wetenkamp. Mit einer Übernahmequote der Betroffenen von 70 bis 90 Prozent sei die Maßnahme im Übrigen sehr erfolgreich.
Die Kritiker legten Fragebögen vor, die merkwürdig anmuten. So hätten sie beispielsweise einen Fragenkatalog unter dem Titel „Wie ‚deutsch‘ bist du?“ ausfüllen müssen, der als Einwanderungstest gedacht ist. Der Unterricht sei häufig unbefriedigend abgelaufen, „weil der Einzelne zu wenig gefördert wurde“. Letztlich solle die Maßnahme nur Geld in die Kasse der Wisoak spülen, meinen die Kritiker. „Zudem sind die Praktikanten für die Betriebe doch billige Arbeitskräfte.“ Wetenkamp versichert: „Der Fragebogen ist nicht von uns“. Aber sicherlich fragten die Dozenten das Allgemeinwissen zur Auffrischung ab.Andere Absolventen der Beruflichen Rehabilitation sagen, sie seien mit der Maßnahme zufrieden gewesen. „Frau Wetenkamp und ihr Team haben alles getan, um uns richtig zu vermitteln.“
„Überdurchschnittliches Engagement“ attestiert die Firma „Laserpoint“ der 69-Jährigen: „Frau Wetenkamp reißt sich für die Teilnehmer ein Bein aus.“ In dem Unternehmen sind bereits mehrere Teilnehmer fest angestellt worden. Die Zusammenarbeit laufe sehr gut, sagt Geschäftsführerin Rita de Vries. Bei manchem Betroffenen sei „das Selbstbewusstsein aufgemöbelt“ worden.
Er sei froh, dass die Berufliche Rehabilitation nach der Kürzung der Fördergelder von der Arbeitsagentur weitergeführt werden konnte, sagt Dr. Heinz Weber, Leiter der Wisoak in Bremerhaven. Die Kurse seien scharf kalkuliert und nicht zuletzt so erfolgreich auf Grund des starken Engagements von Ursula Wetenkamp.
„Anerkannte Methode“
„Die berufspraktische Weiterbildung ist eine anerkannte Methode, die bundesweit Anwendung findet“, ergänzt Thomas Rathmann, Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung Oldenburg-Bremen. „Das gute und vertrauensvolle Miteinander, insbesondere mit der Leiterin Frau Wetenkamp, lässt die Möglichkeiten des regionalen regionalen Arbeitsmarkts für Rehabilitanden optimal erschließen.“